Donnerstag, 5. November 2026

„Wir sollten nicht wieder die Fehler der alten Schuhmessen machen“

Arnd-Hinrich-Kappe

Interview mit Barefoot-Messechef Arnd Hinrich Kappe

Ende Januar findet die Barefoot European Shoe Fair in Offenbach erstmals auch zur Wintersaison statt. Messe-Geschäftsführer Arnd Hinrich Kappe spricht im SHOEZ-Interview über 74 angemeldete Marken, die wachsende Bedeutung von Winterkollektionen, neue Zielgruppen für den Schuhhandel und seine Kritik an einem nahezu zeitgleichen Barfuß- und Kinderschuhevent der Rexor in Mönchengladbach.

Die Barefoot European Shoe Fair entwickelt sich mit bemerkenswertem Tempo. Bei ihrer Premiere 2025 präsentierten mehr als 70 Aussteller rund 80 Marken. Zur zweiten Ausgabe im Juli 2026 waren bereits 121 Marken vertreten, 1.300 Fach- und Privatbesucher kamen nach Offenbach. Nun folgt vom 29. bis 31. Januar 2027 erstmals eine Winterausgabe. Noch ist das Angebot kleiner als im Sommer. Aber für Messechef Arnd Hinrich Kappe ist gerade das interessant: Die Hersteller beginnen, Barfußschuhe zunehmend als Ganzjahresthema zu begreifen.

SHOEZ: Herr Kappe, wie steht die Premiere der Winter-Barefoot wenige Monate vor dem Start da?

Arnd Hinrich Kappe: Ich bin mit dem Stand sehr zufrieden. Wir haben derzeit drei Hallen belegt, 61 Aussteller mit 74 Marken sind dabei. Besonders freut mich, dass darunter 19 neue Marken sind. Insgesamt kommen wir auf rund 1.120 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Im Sommer waren es etwa 1.500 Quadratmeter. Die Winterausgabe wird also kleiner, aber genau damit haben wir gerechnet.

Warum ist die Differenz zum Sommer noch so deutlich?

Viele Hersteller haben schlicht noch keine oder nur sehr kleine Winterkollektionen im Barfußbereich. Das Thema entwickelt sich gerade erst. Einige etablierte Schuhhersteller sind erst vor kurzer Zeit überhaupt in das Barfußsegment eingestiegen. Josef Seibel beispielsweise hatte vor zwei Jahren noch keine Barfußschuhe, Tamaris beginnt jetzt damit. Auch bei Kinderschuhmarken passiert sehr viel. Im Sommer ist das Angebot deshalb momentan noch größer. Aber die Entwicklung geht eindeutig in Richtung Ganzjahresthema.

Ist die Januar-Ausgabe damit zunächst ein Experiment?

Wir machen das, was die Branche braucht. Wenn die Hersteller beginnen, einen zweiten Orderrhythmus mit Herbst-/Winterkollektionen aufzubauen, müssen wir dafür eine Plattform anbieten. Nach der Januar-Veranstaltung werden wir genau schauen, wie erfolgreich sie für Industrie und Handel war. Wenn der Winterbereich weiter wächst, bauen wir die Messe entsprechend aus. Sollte sich herausstellen, dass der Markt doch hauptsächlich im Sommer stattfindet, würden wir natürlich reagieren. Der Vorteil ist: Das sind unsere eigenen Hallen. Wir können sehr flexibel agieren.

Im Juli waren 121 Marken vertreten. Gleichzeitig wächst das Segment inzwischen weit über die ursprünglichen Barfußspezialisten hinaus. Merken Sie diese Veränderung auch bei den Ausstellern?

Absolut. Es kommen ständig neue Unternehmen hinzu. Gleichzeitig steigen etablierte Schuhhersteller in das Segment ein. Das zeigt, wie stark sich der Markt verändert. Für uns ist aber entscheidend, dass die Barefoot eine glasklare Barfußmesse bleibt. Wenn jemand Schuhe mitbringt, die nur ein bisschen nach Barfußschuh aussehen, aber die Kriterien nicht erfüllen, sagen wir auch Nein. Wir wollen die Qualität und Glaubwürdigkeit der Veranstaltung erhalten.

Auch optisch hat sich das Segment stark verändert.

Sehr stark sogar. Der Fashion-Faktor ist enorm gewachsen. Es gibt inzwischen Ballerinas, Businessmodelle oder modische Sneaker, bei denen man auf den ersten Blick überhaupt nicht mehr erkennt, dass es Barfußschuhe sind. Ich sehe mittlerweile in Frankfurt sogar Menschen im Anzug mit Barfußschuhen. Ich persönlich würde sie wahrscheinlich nicht zum Anzug tragen, aber das ist Geschmackssache. Entscheidend ist: Barfußschuhe werden salonfähiger.

Damit könnte das Segment auch für den klassischen Schuhhandel interessanter werden.

Das ist für mich einer der wichtigsten Punkte. Ich möchte nicht, dass nur die reinen Barfußspezialisten nach Offenbach kommen. Wir wollen auch die klassischen Schuhhändler erreichen. Gerade für sie kann dieses Segment eine große Chance sein. Barfußschuhe bringen teilweise ein völlig neues Klientel ins Geschäft, Menschen, die vorher vielleicht gar nicht in einen traditionellen Schuhladen gegangen wären.

Der gesamte Schuhmarkt befindet sich momentan in einer schwierigen Bereinigung. Umso wichtiger ist ein Segment, das noch Wachstum bringt. Deshalb kann ich den Händlern nur empfehlen, sich intensiv damit auseinanderzusetzen.

Damit wächst allerdings auch der Wettbewerb für die bisherigen Barfußspezialisten.

Natürlich. Früher wurde der Markt vor allem von Spezialgeschäften getragen. Wenn jetzt immer mehr klassische Schuhhändler Barfußschuhe aufnehmen, verteilt sich der Umsatz auf mehr Anbieter. Für die Spezialisten wird der Wettbewerb dadurch stärker. Für den gesamten Schuhhandel halte ich diese Entwicklung aber für positiv, weil das Segment dadurch viel breiter wird.

Kurz vor der Barefoot findet am 24. Januar in Mönchengladbach das XL Barfuß- & Kinderschuhevent der Rexor statt. Dort hatten im vergangenen Juli mehr als 80 Lieferanten ihre Kollektionen gezeigt. Stört Sie dieser Termin?

Ja, das gefällt mir überhaupt nicht. Ich halte es für kontraproduktiv, innerhalb so kurzer Zeit zwei Veranstaltungen zu machen. Damit machen wir es vor allem den Händlern schwerer. Aber auch für die Industrie bedeutet das zweimal Aufwand.

Ich habe deshalb ganz offen in Richtung Rexor gesagt: Wir sind gesprächsbereit. Die Rexor könnte ihre Kinderschuhtage gerne parallel bei uns in Offenbach durchführen. Wenn sie einen eigenen Bereich oder sogar eine eigene Halle möchte, wäre das möglich. Dann könnten beide Veranstaltungen eigenständig bleiben, aber Händler und Industrie hätten nur einen Termin und einen Standort.

Sie würden also sogar einem anderen Veranstalter Fläche innerhalb der Messe zur Verfügung stellen?

Warum nicht? Entscheidend ist doch, was für Handel und Industrie sinnvoll ist. Man könnte die Bereiche komplett voneinander trennen und trotzdem im selben Gebäude beziehungsweise fußläufig nebeneinander veranstalten. Gerade der Anteil der Kinderschuhe ist im Barfußsegment ohnehin sehr hoch.

Ich möchte nicht, dass wir wieder den gleichen Fehler machen wie frühere Schuhmessen und anfangen, uns gegenseitig zu kannibalisieren. Davon hat am Ende niemand etwas. Die Händler sind ohnehin genug gebeutelt. Man muss ihnen das Leben nicht noch schwieriger machen.

Ist das bereits ein konkretes Angebot an Rexor?

Ja. Das Angebot steht. Wir sind jederzeit bereit, darüber zu sprechen. Und ich hoffe, dass wir irgendwann eine Lösung finden, die im Interesse des Schuhhandels und der Industrie liegt.

Ein weiterer Unterschied zu einer klassischen Ordermesse ist die starke Community rund um das Thema Barfußschuhe. Wie wichtig ist sie für den Erfolg?

Extrem wichtig. Das ist eine wirklich aktive Community. Das merken wir beispielsweise in den sozialen Medien. Die Resonanz ist enorm. Wir stehen auch weiterhin im engen Austausch mit Experten wie Roman Degenhardt und Kristin Fitterer. Sie kennen die Szene und helfen uns dabei, die Veranstaltung fachlich weiterzuentwickeln.

Auch international ist die Resonanz bemerkenswert. Wir sprechen mit Handelsgruppen und Branchenvertretern etwa aus Spanien und Portugal und rechnen wieder mit Besuchern aus mehr als 40 Ländern.

Am Sonntag dürfen erneut Endverbraucher auf die Messe. Bei der vergangenen Veranstaltung wurde allerdings bewusst auf den Verkauf von Schuhen verzichtet. Hat sich dieses Konzept bewährt?

Ja. Allein am Publikumstag kamen mehr als 1.000 Besucher. Natürlich waren einige enttäuscht, dass sie keine Schuhe direkt kaufen konnten. Aber wir verzichten bewusst auf den Verkauf, weil wir dem Handel nicht schaden wollen.

Die Marken können ihre neuen Produkte vorstellen und den Verbrauchern zeigen, wo sie diese anschließend im Rhein-Main-Gebiet oder bei anderen Händlern kaufen können. Gleichzeitig bieten wir Vorträge und Workshops rund um Themen wie Fußgesundheit und Bewegung an. Dazu gehört dann eben auch Zehen-Yoga. Ich hätte früher auch nicht gedacht, dass ich einmal eine Messe mit Zehen-Yoga veranstalte, aber die Community findet das großartig.

Warum ist Ihnen der Publikumstag überhaupt so wichtig, wenn damit kaum zusätzliche Erlöse verbunden sind?

Weil wir das Thema Barfußschuhe breiter in die Öffentlichkeit bringen wollen. Wenn Endverbraucher kommen, interessieren sich plötzlich auch Medien wie die Hessenschau oder RTL Hessen dafür. Das erhöht die Aufmerksamkeit für das gesamte Segment und hilft damit letztlich Industrie und Handel.

Wir verdienen mit diesem Tag nicht das große Geld. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, Barfußschuhe bekannter zu machen.

Wo sehen Sie die Barefoot in einigen Jahren?

Ich bin überzeugt, dass das Segment weiter wachsen wird. Die Sommerausgaben haben gezeigt, dass Offenbach von der Branche als Plattform angenommen wird. Jetzt entwickelt sich zusätzlich das Wintergeschäft. Wenn die Industrie diesen Weg weitergeht, werden wir ihn begleiten.

Unser Ziel bleibt, Offenbach als Zuhause für die internationale Barfußschuhbranche zu etablieren. Dabei wollen wir wachsen, aber nicht um jeden Preis. Entscheidend ist, dass die Veranstaltung klar positioniert bleibt und für Handel und Industrie einen echten Nutzen bietet.

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