Die großen Produktionsvolumina der Schuhindustrie haben Europa längst verlassen. Asien dominiert die weltweite Fertigung, internationale Wettbewerber gewinnen Marktanteile und der Preisdruck auf europäische Maschinenbauer wächst. Dennoch sieht eine neue Zukunftsstudie des VDMA Fachverbands Textile Care, Fabric and Leather Technologies (TFL) und der Unternehmensberatung Gherzi Germany gute Perspektiven für die europäische Schuh- und Ledermaschinenindustrie.
Die Studie „Threads of the Future – Footwear & Leather Technologies Edition“ untersucht die Entwicklung der Branche bis 2045. Ihre zentrale These: Europas Hersteller werden künftig weniger über Größe und Stückzahlen konkurrieren, sondern über technologische Exzellenz, Prozesswissen, Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle. In zahlreichen Spezialbereichen der Schuh- und Ledertechnik verfügen europäische Unternehmen weiterhin über weltweit führende Kompetenzen.
Von der Maschine zum Systemanbieter
Dabei verschiebt sich die Wertschöpfung. Kunden erwarten zunehmend nicht mehr nur einzelne Maschinen, sondern komplette Lösungen für Produktion und Prozesse. Software, Datenmanagement, digitale Services und Prozessoptimierung gewinnen entsprechend an Bedeutung.
Eine besondere Rolle spielt dabei die weltweit installierte Maschinenbasis. Ersatzteile, Wartung, Software-Upgrades, digitale Zusatzservices und die Optimierung bestehender Produktionsanlagen könnten künftig einen wesentlich größeren Anteil am Geschäft ausmachen. Gerade gegenüber preisgünstigeren Wettbewerbern sieht die Studie darin eine Chance für europäische Anbieter, sich über langfristige Kundenbeziehungen und technisches Know-how zu differenzieren.
Das verändert auch die klassischen Geschäftsmodelle. Der einmalige Maschinenverkauf verliert relativ an Bedeutung, während Service und digitale Leistungen über den gesamten Lebenszyklus einer Anlage wichtiger werden.
Neue Märkte jenseits der Schuhindustrie
Wachstumspotenzial sieht die Untersuchung zudem außerhalb der traditionellen Schuh- und Lederproduktion. Viele Technologien der Branche lassen sich auch in anderen Industrien einsetzen, in denen flexible Materialien präzise geschnitten, verarbeitet, geprüft und digital gesteuert werden müssen.
Dazu zählen beispielsweise hochwertige Fahrzeuginnenräume, Möbel und Polster, technische Textilien, Schutzausrüstung sowie Anwendungen in der Luftfahrt. Nach Einschätzung der Studie könnten diese angrenzenden Märkte langfristig ein Potenzial erreichen, das in seiner Größenordnung dem heutigen Kernmarkt entspricht.
Für die Maschinenbauer bedeutet dies, ihre Kompetenzen stärker branchenübergreifend zu vermarkten. Technologien, die ursprünglich für Leder und Schuhe entwickelt wurden, könnten so zusätzliche Absatzmärkte erschließen.
Automatisierung bleibt große Herausforderung
Technologisch hat die Branche bereits erhebliche Fortschritte gemacht. Digitale Zuschnittsysteme, automatische Qualitätskontrollen, KI-basierte Inspektionssysteme und datenbasierte Prozesssteuerungen sind teilweise bereits im industriellen Einsatz.
Eine zentrale Herausforderung bleibt jedoch die automatisierte Verarbeitung flexibler Materialien wie Leder. Deren unterschiedliche Eigenschaften und Verformbarkeit erschweren eine durchgängige Automatisierung erheblich. Fortschritte auf diesem Gebiet betrachtet die Studie als einen der wichtigsten Hebel für die künftige Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hersteller.
Kreislaufwirtschaft schafft neuen Maschinenmarkt
Auch die Kreislaufwirtschaft eröffnet nach Einschätzung der Autoren neue Geschäftsmöglichkeiten. Reparatur, Aufarbeitung, Refurbishment und Wiederverwendung werden dabei nicht allein als Nachhaltigkeitsthemen betrachtet, sondern als möglicher eigenständiger Maschinenmarkt.
Benötigt werden beispielsweise Technologien für Inspektion, Sortierung, Reparatur und Wiederaufbereitung gebrauchter Schuhe und Lederprodukte. Gerade in Europa könnten sich daraus zusätzliche Geschäftsfelder für Maschinen- und Anlagenbauer entwickeln.
Gleichzeitig gewinnen Rückverfolgbarkeit und dokumentierte Produktionsprozesse an Bedeutung. Regulatorische Anforderungen werden nach Einschätzung der Studie zunehmend mit technologischen Lösungen verknüpft. Transparente Prozesse, digitale Nachweise und dokumentierte Qualität könnten dadurch vom Compliance-Thema zum Wettbewerbsvorteil und teilweise sogar zur Voraussetzung für den Marktzugang werden.
Europa 2045: kleiner, aber hoch spezialisiert
Eine Rückkehr der volumenorientierten Schuhproduktion nach Europa erwartet die Studie nicht. Stattdessen zeichnet sie für 2045 das Bild einer kleineren, hoch spezialisierten Industrie, die komplette Produktionssysteme anbietet und Maschinen eng mit Software, Daten und Service verbindet.
Digitalisierung, Qualitätssicherung, Rückverfolgbarkeit und Kreislaufwirtschaft könnten dabei zunehmend auf einer gemeinsamen Datenbasis zusammenlaufen. Europas Wettbewerbsvorteil läge damit weniger in den Kosten einer einzelnen Maschine als in der Beherrschung des gesamten Produktionsprozesses.
Die vollständige Studie „Threads of the Future – Footwear & Leather Technologies Edition“ wird am 16. September 2026 auf der SIMAC Tanning Tech in Mailand erstmals vorgestellt. Sie umfasst Marktanalysen, Technologiebewertungen, Zukunftsszenarien und Handlungsempfehlungen und steht anschließend exklusiv den Mitgliedsunternehmen des VDMA Fachverbands Textile Care, Fabric and Leather Technologies zur Verfügung.




























