Schuhhaus Freitag vor dem Aus

Schuhhaus Freitag in Crailsheim
Schuhhaus Freitag in Crailsheim

Ingo Hänel rechnet mit Markt und Rahmenbedingungen ab

Nach mehr als einem Jahrhundert endet im Sommer 2026 die Geschichte des Schuhhaus Freitag. Das Traditionsgeschäft am Karlsplatz wird im Juli geschlossen. Für die Crailsheimer Innenstadt bedeutet dies den Verlust eines weiteren etablierten Fachhändlers – und für Geschäftsführer Ingo Hänel eine Entscheidung, die er nach eigenen Worten nicht leicht getroffen hat.

Noch vor zwei Jahren war die Stimmung eine andere: 2024 wurde das 125-jährige Bestehen des Hauses gefeiert, begleitet von Vertretern aus Politik und Wirtschaft. Heute steht fest, dass sich der Standort wirtschaftlich nicht mehr trägt. „Wir werden das Schuhhaus Freitag im Juli schließen“, sagt Hänel. Man habe „in den letzten Jahren schon einiges ausprobiert“, jedoch ohne nachhaltigen Erfolg. Die Kündigung des Standorts sei letztlich „alternativlos“ gewesen, auch wenn sie ihm persönlich „unheimlich leid“ tue.

Strategische Entscheidung – und strukturelle Probleme

Die Gründe für das Aus sind vielschichtig. Hänel spricht von einer grundsätzlichen strategischen Abwägung: Ein Standort müsse langfristig zur Unternehmensentwicklung passen und wirtschaftlich tragfähig sein. Diese Voraussetzung sei in Crailsheim zuletzt nicht mehr gegeben gewesen.

Gleichzeitig verweist er auf tiefgreifende Veränderungen im Konsumverhalten. Entwicklungen, die bereits vor der Pandemie eingesetzt hätten, seien durch Corona deutlich beschleunigt worden. „Der Onlinehandel ist endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auch bei älteren Zielgruppen“, so Hänel. Erwartungen an Bequemlichkeit und Liefergeschwindigkeit seien stark gestiegen, das Internet fungiere zudem als zentrale Informations- und Entscheidungsplattform.

Deutliche Kritik am Konsumverhalten

Besonders deutlich wird der Unternehmer jedoch bei seiner Kritik am Verhalten vieler Konsumenten – ein Punkt, den er auch in einem Interview mit der Südwestpresse ausführlich thematisiert hat.

„Ich bin allerdings in mehrerlei Hinsicht enttäuscht vom Verbraucher“, sagt Hänel. Einerseits werde häufig ein stärkeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Regionalität betont. Andererseits beobachte er gleichzeitig einen massiven Konsum günstiger Importware. Wörtlich führt er aus: „Die täglich fast 500.000 Sendungen asiatischer Billigplattformen – ich wiederhole das hier der Deutlichkeit halber noch einmal: täglich eine halbe Million Päckchen! – zeigen einen ungehemmten und unreflektierten Konsum.“

Seine Kritik geht noch weiter: „Dieses gewissenlose Billigst-Shopping ekelt mich offen gesagt an und macht mich traurig.“ Solche Entwicklungen hätten nicht nur ökologische und soziale Konsequenzen, sondern setzten auch den stationären Handel massiv unter Druck.

Lokale Faktoren verschärfen die Lage

Neben den übergeordneten Marktveränderungen nennt Hänel konkrete Standortnachteile in Crailsheim. So habe sich die Parkplatzsituation über Jahre hinweg verschlechtert. Kurzfristige Haltemöglichkeiten fehlten, bestehende Flächen seien häufig ausgelastet. Auch städtebauliche Maßnahmen sieht er kritisch. Die zeitweise eingerichtete Fußgängerzone bewertet er als „Schuss in den Ofen“. Aus seiner Sicht habe sie eher dazu beigetragen, Kunden aus der Innenstadt fernzuhalten, statt zusätzliche Frequenz zu erzeugen.

Hinzu komme die allgemein schwache Konsumstimmung. „Die gibt es definitiv“, sagt Hänel mit Blick auf die Kaufzurückhaltung. Steigende Lebenshaltungskosten führten dazu, dass Ausgaben stärker hinterfragt würden – insbesondere im Bereich nicht zwingend notwendiger Käufe.

Branche unter Druck

Über den Einzelfall hinaus beschreibt Hänel eine schwierige Gesamtsituation für den stationären Schuhhandel. Neben hohen Betriebskosten und wachsendem Online-Wettbewerb nennt er auch Phänomene wie den sogenannten Beratungsklau: Kunden ließen sich im Geschäft beraten, kauften anschließend jedoch online zum günstigsten Preis. „Ein stationärer Fachhändler kann weder mit der Auswahl noch mit dem Preisgefüge des Internets mithalten“, so seine Einschätzung. Gleichzeitig bleibe die Kostenstruktur im stationären Handel hoch.

Für die Beschäftigten gibt es zumindest teilweise Entwarnung: Nach Angaben des Unternehmens wurden allen Mitarbeitern alternative Arbeitsplätze innerhalb der Schuh-Beck-Gruppe angeboten.

Auch wenn das Aus des Crailsheimer Traditionsgeschäfts besiegelt ist, sieht Hänel den stationären Handel nicht grundsätzlich am Ende. Erfolgreiche Konzepte seien weiterhin möglich – allerdings nicht an jedem Standort. „Es passt halt nicht immer und überall“, resümiert er.

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