Aktuelle Umfrage der Verbundgruppe RING
Die Herausforderungen für den stationären Schuhfachhandel werden größer. Während die Branche in den vergangenen Jahren vor allem mit steigenden Kosten, Lieferkettenproblemen und einem veränderten Wettbewerbsumfeld zu kämpfen hatte, rückt nun ein weiteres Problem immer stärker in den Fokus: die sinkende Kundenfrequenz. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Ringschuh Austria GmbH unter österreichischen Schuhhändlern. Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer Branche, die sich mitten in einem tiefgreifenden Strukturwandel befindet.
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bleiben schwierig. Die Konsumstimmung ist verhalten, viele Verbraucher agieren zurückhaltend und verschieben Anschaffungen. Für den stationären Schuhhandel hat diese Entwicklung unmittelbare Folgen. Denn weniger Kunden in den Innenstädten bedeuten zwangsläufig weniger Kaufgelegenheiten. Gleichzeitig entwickelt sich der durchschnittliche Verkaufsbon nur verhalten, sodass rückläufige Frequenzen kaum durch höhere Ausgaben pro Einkauf kompensiert werden können.
Weniger Besucher, weniger Umsatz
Besonders deutlich wird die Problematik beim Blick auf die Kundenfrequenz. Laut Umfrage berichten knapp zwei Drittel der befragten Händler von rückläufigen Besucherzahlen gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig nennen nahezu 80 Prozent der Unternehmen sinkende Frequenzen beziehungsweise Umsatzrückgänge als derzeit größte Belastung für ihren Betrieb.
Diese Entwicklung trifft den Fachhandel ins Mark. Anders als großflächige Filialisten oder Onlineplattformen lebt das klassische Schuhfachgeschäft von persönlicher Beratung, Passformkompetenz und Kundennähe. Bleiben die Kunden aus, geraten selbst gut geführte Unternehmen unter Druck.
Die Kosten bleiben hoch
Hinzu kommen weiterhin hohe Belastungen auf der Kostenseite. Mieten, Energie, Personal und zahlreiche betriebliche Aufwendungen liegen vielerorts deutlich über dem Niveau früherer Jahre. Viele Händler haben in den vergangenen Krisenjahren bewiesen, dass sie widerstandsfähig sind. Doch die Umfrage macht deutlich, dass bloßes Durchhalten zunehmend an seine Grenzen stößt.
Entsprechend beschäftigen sich viele Unternehmen intensiv mit Kostenreduktion, Effizienzsteigerung und einer Optimierung ihrer Sortimente. Fast 80 Prozent der Befragten nennen diese Themen derzeit als zentrale Handlungsfelder.
Digitalisierung wird zur Pflichtaufgabe
Ein weiterer Aspekt gewinnt zunehmend an Bedeutung: die digitale Sichtbarkeit. Die Autoren der Studie verweisen auf die rasante Entwicklung von KI-gestützten Such- und Einkaufsprozessen. Künftig könnten Verbraucher ihre Kaufwünsche immer häufiger an digitale Assistenten delegieren, die Produkte recherchieren, vergleichen und auswählen.
Für den stationären Handel entsteht dadurch eine neue Herausforderung. Wer mit seinen Sortimenten, Dienstleistungen und Produktinformationen digital nicht sichtbar ist, läuft Gefahr, bereits in der Vorauswahl potenzieller Kunden nicht mehr berücksichtigt zu werden. Produktdaten, Verfügbarkeiten, Bewertungen und Serviceangebote werden damit zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor.
Gleichzeitig bleibt die persönliche Beratung ein zentrales Alleinstellungsmerkmal des Fachhandels. Gerade in einem zunehmend digitalen Umfeld könnten Kompetenz, Vertrauen und individuelle Betreuung wieder stärker an Bedeutung gewinnen – vorausgesetzt, sie werden konsequent gepflegt und professionell kommuniziert.
Kritik an Industrie und Ordersystemen
Die Umfrage zeigt außerdem Unzufriedenheit mit Teilen der bestehenden Zusammenarbeit zwischen Handel und Industrie. Viele Händler kritisieren starre Ordersysteme, unzureichende Nachorder-Möglichkeiten sowie eine mangelnde Differenzierung gegenüber Onlinekanälen.
Die Konsequenzen spiegeln sich bereits in den Planungen für die kommende Saison wider. Mehr als 80 Prozent der befragten Händler wollen ihre Einkaufsbudgets für Frühjahr/Sommer 2027 reduzieren. Kein einziger Betrieb plant eine Ausweitung seines Ordervolumens. Für Marken und Lieferanten ist dies ein deutliches Signal, die Zusammenarbeit mit dem Fachhandel stärker an dessen aktuelle Bedürfnisse anzupassen.
Klare Positionierung wird entscheidend
Trotz aller Herausforderungen sehen die Studienautoren weiterhin erhebliche Chancen für den stationären Schuhhandel. Voraussetzung sei allerdings eine konsequente Weiterentwicklung der eigenen Geschäftsmodelle. Dazu gehören eine präzise Sortimentspolitik, moderne Warenwirtschaftssysteme, hochwertige Stammdaten, eine stärkere Kundenbindung und eine klare Positionierung im Markt.
Nicht jeder Standort werde langfristig bestehen können, so die Einschätzung. Gleichzeitig könne gerade das gut geführte Fachgeschäft von der zunehmenden Austauschbarkeit vieler digitaler Angebote profitieren. Wer seine Stärken kennt und sichtbar macht, habe weiterhin gute Perspektiven.
Alte Gewissheiten verlieren ihre Gültigkeit
Die Ergebnisse der österreichischen RING-Umfrage zeigen vor allem eines: Die Branche befindet sich an einem Wendepunkt. Die Hoffnung auf eine automatische Rückkehr der Kundenfrequenz dürfte sich kaum erfüllen. Stattdessen sind neue Konzepte, digitale Kompetenz und eine konsequente Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kunden gefragt.
Die Kostenkrise des Handels entwickelt sich zunehmend zu einer Frequenz- und Konsumkrise. Für viele Schuhhändler wird die entscheidende Frage der kommenden Jahre daher nicht mehr lauten, wie lange sie durchhalten können – sondern wie schnell sie ihre Unternehmen an die veränderten Marktbedingungen anpassen.







