Während die Branche noch mit den Kollektionen der nächsten Saisons beschäftigt ist, richtet Martin Wuttke, mit Uta Riechers Wuttke, Co-Creative Director von ModEurop, der Trendplattform des DSI, den Blick längst weiter nach vorn. Für ModEurop arbeitet er am Fashion Forecast Shoes & Bags für Herbst/Winter 2027/28 und zugleich an der Farbwelt für Frühjahr/Sommer 2028. Im Interview erklärt er, wie sich Trends frühzeitig erkennen lassen, warum neue Impulse gerade jetzt wichtig sind – und weshalb die Colour Club Conference in Antwerpen nun ausdrücklich auch Interessierte außerhalb des bisherigen ModEurop-Kreises einlädt.
Martin Wuttke, Sie arbeiten derzeit praktisch in zwei Zukunftssaisons gleichzeitig. Wie weit lässt sich Mode so früh überhaupt verlässlich vorausdenken?
Tatsächlich arbeiten wir sogar in drei Saisons. Die Farbkarte für Herbst/Winter 2027/28 ist gerade erst erschienen, parallel entsteht der Fashion Forecast und zugleich bereiten wir bereits die Farben für Frühjahr/Sommer 2028 vor. Natürlich kann niemand die Zukunft exakt vorhersagen. Aber man kann sehr genau analysieren, wenn man sich täglich mit Lifestyle, Kunst, Musik, Mode, neuen Marken und internationalen Märkten beschäftigt. Wir schauen etwa nach Seoul, New York oder Italien – Märkte, die dem deutschen oft deutlich voraus sind. Dazu kommt unser internationales Expertennetzwerk. So entsteht eine belastbare Orientierung für die Unternehmen. Die Trends verlaufen heute zu komplex, um sie mit einer Storecheck-Reise zu analysieren und dann mit „Bauchgefühl“ an die Trendarbeit zu gehen. Trendimpulse müssen bereits erkannt werden, bevor sie überall sichtbar sind.
Der neue Fashion Forecast umfasst rund 210 Seitenund basiert zum großen Teil auf ersten, konkreten Produktentwicklungen. Nach welchen Kriterien filtern Sie aus der Fülle der internationalen Impulse die relevanten Styles heraus?
Am Anfang steht immer die Frage: Was ist wirklich neu, was fällt auf – und was bleibt? Für Herbst/Winter 2027/28 erleben wir weniger die große Revolution als viele feine Verschiebungen. Es geht um ungewöhnliche Details, neue Kontraste oder raffinierte Materialien, die einen Schuh oder eine Tasche frisch wirken lassen. Zugleich gibt es Dauerbrenner. Wenn eine Tasche seit drei Saisons im Sortiment ist, muss man fragen, warum sie noch immer begeistert. Auch solche Modelle gehören in den Forecast, wenn sie weiterentwickelt werden. Weil neue Winterprodukte heute oft später sichtbar werden, arbeiten wir bis zur letzten Minute, um möglichst aktuelle Tendenzen abzubilden.
Welche Shapes, Materialien oder Farben zeichnen sich für Herbst/Winter 2027/28 besonders deutlich ab?
Der Loafer bleibt ein zentrales Thema, allerdings in zwei Richtungen. Einerseits wird er klassischer, feiner und formeller. Andererseits entstehen sportliche Hybride. New Balance hat damit begonnen, danach kam Nike, inzwischen bietet auch Adidas Sneaker-Loafer an. Gleichzeitig greifen Sportswear-Marken formelle Elemente wie Oxford-Karos oder Ledersohlen auf. Das zeigt, dass die Mode wieder formeller wird. Auch farblich brauchen wir Bewegung. Seit Jahren sehen wir Nougat, Haselnuss, Mocca, Dunkelcognac und vielleicht noch Bordeaux. Irgendwann sagt die Kundin: Das ist schön, aber ich habe es schon. Trotzdem braucht es neue Farbwelten. Wenn alles gleich aussieht, entscheidet am Ende nur noch der Preis.
Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten setzen viele Unternehmen auf vermeintlich sichere Produkte. Warum ist es aus Ihrer Sicht dennoch wichtig, sich frühzeitig mit neuen Design- und Trendinformationen auseinanderzusetzen?
Weil man die Kuh nicht dreimal melken kann, ohne ihr frisches Gras zu geben. Ohne Veränderungen bei Modellen und Farben lockt man irgendwann niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Mode lebt von Neuigkeit und Überraschung. Zwanzig Brauntöne im Schaufenster erzeugen keinen Impuls. Ein kräftiges Violett oder Neongrün verkauft sich vielleicht nur wenige Male, wertet aber die schwarzen Booties daneben enorm auf. So bekommt die gesamte Warenpräsentation mehr Spannung. Oft reichen schon kleine Farbakzente oder Details.
Bei der Colour Club Conference in Antwerpen stimmen Produktexperten über die wichtigsten Farben für Frühjahr/Sommer 2028 ab. Wie entsteht daraus eine gemeinsame Farbkarte?
Wir arbeiten mit fünf international anerkannten Farbkarten aus Textil, Sportswear, Schuhen und Taschen und gleichen sie mit unserem Expertennetzwerk ab. Hinzu kommen die Einschätzungen internationaler Gerber und Materialhersteller. Entscheidend ist der Zeitpunkt. Manche Farbkarten für Sommer 2028 sind bereits jetzt erhältlich, teilweise zu sehr hohen Preisen. Wir warten bewusst länger, beziehen noch die Signale der internationalen Schauen im September und Oktober ein und können darauf reagieren. Unser Grundsatz lautet: so spät wie nötig und so früh wie möglich. Eine hundertprozentige Garantie kann niemand geben, aber wir wollen so nah wie möglich am Zeitgeist sein. Die Teilnehmer der Colour Club Conference erfahren bereits im Oktober, welche Farben und Themen sich abzeichnen – noch vor Veröffentlichung der Farbkarte im Dezember. Das kann ein großer Vorteil sein!
Antwerpen liefert mit den „Antwerp Six“, außergewöhnlichen Stores und Tom Van der Borght als Gastredner ein kreatives Umfeld. Was sollen die Teilnehmer mitnehmen – und wer kann teilnehmen?
Das Wichtigste ist, aus dem eigenen Hamsterrad herauszukommen. Antwerpen ist eine oftmals unterschätzte Modemetropole mit einer Dichte an Multibrandstores, die man in Deutschland nur noch selten findet. Der Store-Check, die Ausstellung zu den „Antwerp Six“, der Austausch im Netzwerk und die Keynote von Tom Van der Borght sollen den Kopf wachrütteln. Es geht um Farben, Materialien, Silhouetten, Lifestyle und Kunst – aber auch um Gespräche außerhalb von Messen und Showrooms.
Neu ist, dass wir die Colour Club Conference nun ganz bewusst stärker öffnen. Bislang wurde sie vor allem innerhalb des ModEurop-Netzwerks kommuniziert. Wer sich für eine Teilnahme interessierte, konnte zwar auch bisher auf uns zukommen – aber wir haben Nicht-Mitglieder nicht offensiv eingeladen. Das ändern wir jetzt. Man muss kein ModEurop-Mitglied sein, um in Antwerpen dabei zu sein. Hersteller, Designer, Produktentwickler und Händler können sich anmelden und den Colour Club unverbindlich kennenlernen.
Gerade für Mittelständler und Komfortschuhhersteller ist das spannend, weil es keineswegs nur um High Fashion geht. Im Colour Club sitzen sehr unterschiedliche Unternehmen zusammen – von modischen Marken bis zu Anbietern aus dem Komfortsegment. Alle brauchen Informationen darüber, wohin sich Farben, Materialien und Silhouetten entwickeln. Auch Händler können wertvolle Impulse mitnehmen: Sie sehen neue Marken, erhalten Einblicke in den Benelux-Markt und erfahren frühzeitig, welche Entwicklungen nach Deutschland überschwappen könnten. Diese Mischung macht den Colour Club relevant – und wir möchten ausdrücklich mehr Menschen aus der Branche einladen.
Interview: Nadine L’Allemand
ModEurop: Termine und Bestellungen
Farbkarte Herbst/Winter 2027/28
Die ModEurop-Farbkarte mit Originalledermustern, Pantone-Nummern und begleitendem Booklet kann weiterhin über die ModEurop-Webseite bestellt werden.
Fashion Forecast Shoes & Bags H/W 2027/28
Der rund 210 Seiten umfassende Forecast präsentiert Key-Produkte, neue Shapes sowie Material-Updates von den ersten internationalen Sourcing-Messen, darunter die Lineapelle New York und richtet sich damit speziell an die Kreativabteilungen und Produktmanager der Schuh- und Taschenindustrie. Der Forecast zum Preis von Euro 220,– (zzgl. MwSt.) ist ab sofort und direkt über die ModEurop-Webseite möglich.
Colour Club Conference F/S 2028
Die Colour Club Conference findet am 14. und 15. Oktober in Antwerpen statt. Im Mittelpunkt stehen die Trend- und Farbwelten für Frühjahr/Sommer 2028. Die Veranstaltung ist ausdrücklich auch für Nicht-Mitglieder geöffnet. Anfragen und Anmeldungen sind über die ModEurop-Webseite oder per E-Mail möglich.
Informationen und Bestellung:
www.modeurop.com/orderform/




























