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„Wer nachhaltige Schuhe will, muss in Deutschland produzieren“

Verena Carney

Interview mit Verena Carney, Gründerin von Orangenkinder

Die Brand Orangenkinder wurde 2021 von ihrer Geschäftsführerin Verena Carney ins Leben gerufen. In diese Brand lässt Carney 30 Jahre Erfahrung als Schuhdesignerin und 18 Jahre als Partnerin einer ökologischen Kinderschuhfirma einfließen. Ziel und Herzensangelegenheit ist die Herstellung hochwertiger, ökologischer Haus- und Barfußschuhe für Kinder in eigener fränkische Manufaktur – made in Germany. Momentan beschäftigt sie 14 Voll- und Teilzeitkräfte. In den nächsten Jahren sind der Ausbau der Marke online und stationär, sowie die Ausweitung des Produktangebotes geplant. SHOEZ sprach mit Verena Carney über nachhaltige Schuhherstellung, die Herausforderungen des Marktes und Lieferketten.

SHOEZ: Frau Carney, man hat den Eindruck, dass heute alle Schuhhersteller das Wort „Nachhaltigkeit“ für sich in Anspruch nehmen.

Carney: Ja, Nachhaltigkeit ist mittlerweile zum Modewort geworden. Mir ist Nachhaltigkeit seit 20 Jahren ein Herzensthema, das ich nun seit 2021 mit meinem Brand Orangenkinder konsequent weiterverfolge.

SHOEZ: Ist eine 100-prozentig nachhaltige Produktion überhaupt möglich?

Carney: 100 Prozent Nachhaltigkeit geht nicht, da haben Sie Recht, denn dann müssten wir alle barfuß laufen. Aber nur, weil mit Nachhaltigkeit geworben wird oder Alternativmaterialien zum Leder wie beispielsweise Kaktusleder aus dem fernen Mexiko verwendet werden, ist der Schuh ja noch lange nicht ökologisch.

SHOEZ: Wo beginnt denn in Ihren Augen eine nachhaltige Produktion?

Carney: Die beginnt schon beim Einkauf. Leder, das von weit her importiert werden muss, verursacht lange Transportwege, und die verursachen immer eine zusätzliche Umweltbelastung. Wir haben die Möglichkeit, zertifiziertes Naturleder aus Deutschland zu beziehen. Dies garantiert uns, dass das Leder nach strengen EU-Richtlinien gegerbt und ständig von unabhängigen Instituten auf Schadstoffe getestet wird.

SHOEZ: Das ist teurer, als wenn das Leder aus Fernost importiert wird. Richtig?

Carney: Auf den ersten Blick JA. Wenn ich etwas am Leder zu beanstanden oder Extrawünsche habe, geht das mit einem Unternehmen im Nachbarort sicherlich besser, als wenn dieses auf einem anderen Kontinent sitzt. Selbst einfache Dinge wie sich einmal kennenzulernen und sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen, sind so unkompliziert möglich. Und was viele Hersteller während der ersten zwei Jahre Corona sowie nun mit dem Ukrainekrieg bitter feststellen mussten ist: Je länger die Lieferketten sind, desto größer ist die Gefahr, dass diese unterbrochen werden, und dann steht buchstäblich die ganze Produktion still. Als innovatives Unternehmen in der Schuhbranche müssen Sie auch mal neue Wege gehen, das heißt Experimentieren mit neuen Designs und orthopädischen Ansätzen oder mit alternativen Materialien. Genau diese Einzelanfertigungen können Sie am schnellsten und klimafreundlich umsetzen, wenn das Unternehmen sozusagen um die Ecke ist.

SHOEZ: Der Fachkräftemangel ist überall spürbar. Wie lösen Sie das?

Carney: Natürlich ist das auch bei uns eine Herausforderung. Wir haben bewusst einen Produktionsstandort im Ländlichen gesucht. Viele Fachkräfte außerhalb der typischen Ballungsgebiete würden gerne arbeiten, aber es fehlen die passenden Firmen und Arbeitgeber. Wer hier als kleines Unternehmen flexible Arbeitszeiten anbietet, hat keinen Fachkräftemangel. Mir ist klar, dass das vielleicht keine Lösung für ein großes produzierendes Unternehmen ist, aber für den kleinen Mittelstand ist es nicht nur eine Chance, sondern ein Marktvorteil.

SHOEZ: Sie haben nun erklärt, wo bei Ihnen Nachhaltigkeit beginnt, aber wo endet sie bei Ihnen?

Den Kreislauf schließen wir mit der Tatsache, dass unser Leder voll kompostierbar ist. Man könnte unsere Schuhe im Komposthaufen vergraben und diese würden sich zu 99 Prozent nach einiger Zeit auflösen.

SHOEZ: Wie wichtig ist Service für die Nachhaltigkeit eines ökologischen Unternehmens?

Carney: Kunden wollen neben einem ökologischen und hochwertigen Schuh noch etwas sehr Wichtiges, nämlich persönlichen Service.

SHOEZ: Aber was hat Nachhaltigkeit mit Service zu tun, der letzten Endes doch im Laden beim Verkauf und in der Beratung geschieht und nicht in Ihrer Fabrik?

Carney: Jeder Händler kennt das Problem der Mindestbestellmengen. Warum mehr produzieren und mehr transportieren, wenn auch weniger geht und den Händler dazu zu zwingen, mehr zu kaufen als er braucht? Wenn der Händler bei uns nur ein Paar Schuhe eines Modells möchte, bekommt er auch nur ein Paar kurzfristig geliefert. Dieser Service sorgt dann auch beim Endkunden für eine größere Auswahl, und das ist dann Service am Kunden. Nachhaltiges Handeln kann so einfach sein. Und noch ein Beispiel für Nachhaltigkeit im Service: Was passiert mit Kinderschuhen, die irgendwann mal starke Gebrauchsspuren haben und zum Beispiel eine neue Sohle brauchen? Die ökologisch beste Lösung liegt so nahe: Man schickt uns den Schuh und wir reparieren ihn, fertig.

SHOEZ: Haben Sie noch einen Tipp für Ihre Branche?

Carney: Wer nachhaltige Schuhe will, muss in Deutschland produzieren.

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