Neue Tarifrunde startet: HDE mahnt zur Zurückhaltung
Kurz vor Beginn der Tarifverhandlungen im deutschen Handel verschärft sich der Ton zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern. Während die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) deutlich steigende Einkommen fordert, warnt der Handelsverband Deutschland (HDE) angesichts angespannter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen vor überzogenen Erwartungen – und möglichen Folgen für Arbeitsplätze.
Auftakt in Kassel
Mit Tarifkoordinierungskonferenzen in Kassel ist die neue Runde offiziell eingeläutet worden. Rund 100 Vertreter der regionalen Tarifkommissionen berieten über die wirtschaftliche Lage im Einzel-, Versand- sowie im Groß- und Außenhandel und verständigten sich auf eine gemeinsame Linie. Im Mittelpunkt steht eine Entgeltrunde mit Forderungen nach Lohnsteigerungen, die „deutlich über der Inflation“ liegen sollen.
Konkrete Prozentzahlen nennt die Gewerkschaft noch nicht. Diese sollen im März in den jeweiligen Tarifgebieten beschlossen und veröffentlicht werden. Ab April starten die Verhandlungen in den ersten Regionen, darunter Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.
Verdi: Anschluss an andere Branchen nötig
Nach Darstellung von Verdi liegt der durchschnittliche Bruttolohn im Einzelhandel weiterhin spürbar unter dem Niveau der Gesamtwirtschaft. Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer betont, viele Beschäftigte könnten von ihrem Einkommen kaum leben. Ein großer Teil des Verdienstes fließe in Miete, Energie und Lebensmittel; frei verfügbares Einkommen bleibe kaum. Zudem wachse das Risiko von Altersarmut.
Die Gewerkschaft verweist auf aktuelle Branchenzahlen: Für 2025 wird im Handel ein Gesamtumsatz von rund 2,52 Billionen Euro erwartet. Bereits 2024 habe die Branche rund 74,4 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaftet. Vor diesem Hintergrund sieht ver.di durchaus Spielräume für höhere Entgelte.
Neben Lohnerhöhungen fordert die Gewerkschaft auch strukturelle Verbesserungen. Der hohe Anteil an Teilzeit- und Minijobs – im Einzelhandel arbeiten knapp 40 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit – führe häufig zu niedrigen Einkommen und später zu geringen Rentenansprüchen. Verdi drängt daher auf mehr Vollzeitstellen und eine stärkere Tarifbindung. Derzeit arbeiten laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nur rund 23 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel bei tarifgebundenen Unternehmen – deutlich weniger als im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt.
Arbeitgeber warnen vor steigenden Kosten
Der Handelsverband Deutschland sieht die Lage kritischer. Hauptgeschäftsführer Stefan Genth verweist darauf, dass die Umsätze nicht im gleichen Maße wüchsen wie die Kosten. Energie, Mieten, Logistik und Personal belasteten die Unternehmen erheblich. Es gebe „keinen Spielraum“ für überzogene Forderungen. Zu hohe Tarifabschlüsse könnten den Druck weiter erhöhen und im schlimmsten Fall zusätzlichen Stellenabbau auslösen.
Rückblick: Zähe Verhandlungen mit kräftigem Plus
Die letzte Tarifrunde hatte sich über mehr als ein Jahr hingezogen. Am Ende stand für die Beschäftigten im Einzelhandel ein Einkommensplus von insgesamt rund 14 Prozent für den Zeitraum 2023 bis 2025.
Insgesamt arbeiten in Deutschland rund 5,2 Millionen Menschen im Handel, davon etwa 3,4 Millionen im Einzelhandel und 1,8 Millionen im Groß- und Außenhandel. Die nun beginnende Tarifrunde betrifft damit eine der beschäftigungsstärksten Branchen des Landes.








